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Regeneration

VO₂max: Der wichtigste Biomarker für Healthspan — und wie er messbar verbessert wird

Keine andere Messgröße korreliert so robust mit Lebenserwartung und Gesundheitsspanne wie die VO₂max. Eine evidenzbasierte Einordnung: Was sie ist, was sie aussagt, wie man sie misst — und wie sie sich um 10–25 % steigern lässt.

22. Mai 2026·15 Min.·Dr. med. Tolga Bozkurt· Facharzt für Innere Medizin · Performance & Sportmedizin
Editorial Illustration — Spiroergometrie und VO2max-Kurve
Die VO₂max ist kein Sportler-Wert, sondern der robusteste Einzelmarker für Healthspan.

Wenn die Longevity-Medizin einen einzigen Biomarker hätte, der die größte prognostische Information über die nächsten Jahrzehnte enthält, wäre es die VO₂max. Keine andere routinemäßig messbare Größe korreliert so robust mit Gesamtmortalität, kardiovaskulärem Tod und Verlust funktioneller Selbstständigkeit im Alter. Die Studienlage ist konsistent über vier Jahrzehnte, mehrere Kontinente und Hunderttausende von Probanden — und doch wird VO₂max in der Allgemeinmedizin selten gemessen.

Dieser Beitrag erklärt, was die VO₂max physiologisch beschreibt, warum sie der wichtigste Healthspan-Marker ist, wie wir sie in der Longevity-Medizin in Frankfurt messen und welche Interventionen sie evidenzbasiert verbessern. Wer „länger gesund leben“ konkret operationalisieren will, kommt an der VO₂max nicht vorbei.

Was die VO₂max physiologisch beschreibt

Die VO₂max — maximale Sauerstoffaufnahme — ist die größte Menge Sauerstoff (in ml pro kg Körpergewicht pro Minute), die ein Organismus während einer maximalen Ausbelastung aus der Luft entnehmen, transportieren und in den Mitochondrien verwerten kann. Sie integriert drei Subsysteme: pulmonale Diffusion (wie gut Sauerstoff von der Lunge ins Blut kommt), kardiozirkulatorischen Transport (Herzzeitvolumen × arteriovenöse Sauerstoffdifferenz, das sogenannte Fick’sche Prinzip), und muskuläre Sauerstoffextraktion (Mitochondriendichte, Kapillarisierung, oxidative Enzyme).

Eine Beeinträchtigung in irgendeinem dieser drei Subsysteme senkt die VO₂max. Genau das macht sie zum integralen Marker: Sie misst nicht ein Organsystem, sondern die Kapazität des gesamten oxidativen Metabolismus. Eine ausführliche physiologische Darstellung findet sich bei Bassett & Howley (Medicine & Science in Sports & Exercise, 2000, DOI: 10.1097/00005768-200001000-00012).

Die Evidenzlage: Warum VO₂max der robusteste Healthspan-Marker ist

Die zentrale Studie zur Mortalitätsprognose ist die Arbeit von Mandsager et al. im JAMA Network Open (2018, DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2018.3605). Die Cleveland-Clinic-Kohorte umfasste 122.007 Patienten über durchschnittlich 8,4 Jahre Nachbeobachtung. Ergebnis: Personen mit „elite“ kardiorespiratorischer Fitness (oberste 2,5 %) hatten gegenüber Personen mit niedriger Fitness eine um etwa 80 % reduzierte Gesamtmortalität. Bemerkenswert: Der Effekt war stärker als der Mortalitätsbeitrag von Rauchen, Hypertonie oder Diabetes.

Eine Meta-Analyse von Kodama et al. (JAMA, 2009, DOI: 10.1001/jama.2009.681) über 33 Studien mit 102.980 Probanden zeigte: Jede 1-MET-Erhöhung der kardiorespiratorischen Fitness (entspricht 3,5 ml O₂/kg/min VO₂max) reduziert die Gesamtmortalität um 13 % und die kardiovaskuläre Mortalität um 15 %. Die Konsequenz für die Longevity-Praxis ist klar: Eine VO₂max-Erhöhung von 30 auf 40 ml/kg/min (3 MET-Schritte) reduziert in Beobachtungsdaten das Mortalitätsrisiko um etwa 40 %.

Auch funktionell ist VO₂max entscheidend. Eine VO₂max unter 18 ml/kg/min markiert das Schwellenniveau, ab dem alltägliche Verrichtungen (Treppensteigen, Einkaufen) zur Belastungsgrenze werden — der Wert, ab dem Selbstständigkeit im Alter gefährdet ist (Paterson et al., Applied Physiology Nutrition and Metabolism, 2007, DOI: 10.1139/H07-014). Wer mit 60 eine VO₂max von 40 ml/kg/min hat, hat etwa zwei Jahrzehnte Sicherheitsmarge — wer bei 22 liegt, deutlich weniger.

Die VO₂max ist die einzige Routinemessgröße, die direkt sagt, wie nah Sie an dem Tag sind, an dem die Treppe zum Problem wird.

Wie wird die VO₂max gemessen?

Die Goldstandardmessung ist die Spiroergometrie (Cardiopulmonary Exercise Testing, CPET): Der Proband absolviert einen stufenförmig steigenden Belastungstest auf Ergometer oder Laufband, während Atemgase (Sauerstoffaufnahme, CO₂-Abgabe) Atemzug für Atemzug analysiert werden. Eine sauber durchgeführte Spiroergometrie liefert nicht nur VO₂max, sondern auch ventilatorische Schwellen, respiratorischen Quotienten und kardiopulmonale Reserve.

Wearables wie Apple Watch, Garmin und Whoop schätzen VO₂max algorithmisch aus Herzfrequenz-Antwort, Geschwindigkeit und Anthropometrie. Validierungsstudien zeigen Korrelationen von r = 0,7–0,85 gegenüber Spiroergometrie (Snyder et al., International Journal of Sports Medicine, 2021, DOI: 10.1055/a-1330-3284) — gut genug für Verlaufsbeobachtung, nicht ausreichend für medizinische Entscheidungen bei kardialen Risikopatienten. Wir nutzen Wearable-Werte als Trendindikator, kombinieren sie aber bei jeder Erstuntersuchung mit einer CPET.

Welche VO₂max ist normal — und welche ist Ziel?

  • Untrainiert, 40 Jahre, Mann: 35–42 ml/kg/min — Frau: 28–34 ml/kg/min.
  • Untrainiert, 60 Jahre, Mann: 28–34 ml/kg/min — Frau: 22–28 ml/kg/min.
  • Trainiert (Ausdauer 3–5×/Woche), 40 Jahre, Mann: 48–55 ml/kg/min — Frau: 40–46 ml/kg/min.
  • Wettkampf-Ausdauerathleten: typischerweise > 60 ml/kg/min, Spitzenwerte > 80 ml/kg/min (Skilanglauf, Radsport).
  • Healthspan-Ziel ab 50: mindestens das obere Drittel der Altersnorm, idealerweise 10–15 ml/kg/min über dem altersangepassten Median.

Peter Attia hat das Konzept der „VO₂max-Marathon-Math“ in seinem Buch *Outlive* (2023) populär gemacht: Wer mit 50 in der oberen Altersnorm liegt, kommt mit 80 noch mit der oberen Norm der dann 80-Jährigen voran — das ist der praktische Sinn von „Healthspan vorne aufladen“.

Wie verbessert man die VO₂max evidenzbasiert?

Die VO₂max ist erstaunlich modifizierbar — bei untrainierten Erwachsenen sind Steigerungen von 15–25 % innerhalb von 8–12 Wochen mit den richtigen Reizen reproduzierbar dokumentiert. Bei trainierten Personen wird der Hebel kleiner (5–10 % pro Jahr), aber er bleibt vorhanden. Die effektivsten Reize stammen aus zwei Trainingsfamilien:

  • Niedrigintensives Volumentraining (Zone 2, 60–70 % der maximalen Herzfrequenz, 150–300 Min./Woche). Baut mitochondriale Dichte, Kapillarisierung und Fett-Oxidation auf — die VO₂max-Grundlage.
  • Hochintensives Intervalltraining (HIIT, 90–95 % HFmax). Das norwegische 4×4-Protokoll von Helgerud et al. (Medicine & Science in Sports & Exercise, 2007, DOI: 10.1249/mss.0b013e3180304570) zeigte VO₂max-Anstiege von 10 % in 8 Wochen mit 4 Einheiten pro Woche — robusteste Evidenz für HIIT-Effizienz.
  • Krafttraining ergänzend (2×/Woche). Hebt nicht direkt die VO₂max, aber Erhalt von Muskelmasse und Kraft sind Voraussetzung dafür, dass im Alter überhaupt noch belastbar trainiert werden kann.
  • Tägliche Bewegung im NEAT-Bereich (Non-Exercise Activity Thermogenesis): 8.000–10.000 Schritte. Korreliert eigenständig mit VO₂max-Erhalt und Mortalität (Saint-Maurice et al., JAMA, 2020, DOI: 10.1001/jama.2020.1382).
  • Hitze-Akklimatisation (Sauna 4×/Woche, 15–20 Min., 80–90 °C): Erhöht Plasmavolumen und kardiopulmonale Belastbarkeit; finnische Kuopio-Kohorte zeigt assoziierte Mortalitätsreduktion (Laukkanen et al., JAMA Internal Medicine, 2015, DOI: 10.1001/jamainternmed.2014.8187).

Die optimale Trainingsmischung in der Praxis

Das in der Trainingswissenschaft etablierte 80/20-Prinzip — etwa 80 % der Trainingszeit niedrigintensiv (Zone 2), 20 % hochintensiv (Schwelle und VO₂max-Reize) — gilt auch für Longevity-orientiertes Training. Für eine 4-Stunden-Trainingswoche bedeutet das: drei Sessions à 60 Minuten Zone 2 (locker, gut Gespräch möglich) plus eine HIIT-Session à 30–40 Minuten. Plus zwei Krafttrainings à 30–45 Minuten. Wer das 8–12 Monate durchhält, sieht in der Regel Steigerungen von 10–20 %.

Hinweis aus klinischer Erfahrung: Die meisten Patientinnen und Patienten machen zu wenig Zone-2-Training. „Locker“ heißt wirklich locker — der Atem geht etwas tiefer, ein normales Gespräch ist möglich, das Herz schlägt knapp über dem Ruheniveau. Wer im Studio dauerhaft auf Pulsen um 75–80 % der HFmax trainiert, befindet sich im Niemandsland — zu hart für die mitochondriale Anpassung, zu locker für den VO₂max-Reiz.

Praktische Steuerung in der Praxis: Wir empfehlen, die Zone-2-Intensität anhand des Laktatwerts (ca. 1,5–2,0 mmol/l in stabilen Belastungen) oder ersatzweise des „Talk Tests“ zu kalibrieren. Wer beim Laufen oder Radfahren noch in vollständigen Sätzen sprechen kann, ist im Zielbereich. Sobald die Sprache abgehackt wird, ist die Intensität zu hoch. Ein zusätzlicher pragmatischer Marker: die Nasenatmung. Wer 30–45 Minuten ausschließlich durch die Nase atmen kann, hat in aller Regel Zone-2-Intensität. Sobald der Mund aufgeht und die Atmung hörbar tiefer wird, beginnt der Schwellenbereich.

Krafttraining gehört in jede Longevity-Strategie — auch wenn es die VO₂max nicht direkt anhebt. Erhalt von Muskelmasse, Knochendichte und neuromuskulärer Koordination ist die Voraussetzung dafür, dass im siebten und achten Lebensjahrzehnt überhaupt noch belastbares Ausdauertraining möglich ist. Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention empfiehlt zwei Krafttrainingseinheiten pro Woche, jeweils mit fünf bis sieben Großmuskel-Übungen und Belastungen im Bereich von 6–12 Wiederholungen. Wer das mit Ausdauertraining kombiniert, baut die belastbarere und gleichzeitig stoffwechselgesündere Person auf — den Zustand, den die Longevity-Medizin meint, wenn sie von „Healthspan“ spricht.

Häufige Fragen zur VO₂max

Wie genau messen Wearables die VO₂max? Die Korrelation zu Spiroergometrie liegt bei guten Geräten um r = 0,75–0,85. Apple Watch und Garmin überschätzen tendenziell um 1–4 ml/kg/min bei untrainierten Personen und unterschätzen bei sehr trainierten. Brauchbar für Trend, nicht für Diagnostik.

Verliert man VO₂max im Alter zwangsläufig? Ja, aber langsamer als gedacht, wenn man trainiert. Untrainiert sinkt VO₂max um 8–10 % pro Dekade ab 30; mit konsequentem Ausdauertraining auf 3–4 % pro Dekade. Trainierte 70-Jährige liegen häufig auf dem Niveau untrainierter 40-Jähriger.

Hilft Höhentraining? In kontrollierten Settings (Live-high, Train-low, 3–4 Wochen, 2.500–3.000 m) ja, mit moderaten Effekten (3–5 %). Im normalen Lebensalltag in Frankfurt ist es selten umsetzbar und nicht der wichtigste Hebel.

Was ist mit Supplements? Kreatin, Beta-Alanin, Koffein, Rote-Bete-Saft haben kleine, akute Effekte auf Belastungstoleranz. Keiner dieser Stoffe ersetzt Training. Bei Eisenmangel hebt eine Eisenkorrektur die VO₂max um bis zu 8–10 % — eine echte therapeutische Indikation, die wir per Labor abklären.

Ab welcher VO₂max sollte man trainieren? Ab jeder. Bei sehr niedrigen Ausgangswerten ist der Gewinn am größten — kardiologische Vorabklärung vorausgesetzt.

Wie unterscheidet sich VO₂max zwischen Frauen und Männern? Die absoluten Werte liegen bei Frauen typischerweise 15–25 % unter denen vergleichbar trainierter Männer — ein Effekt, der auf Hämoglobinkonzentration, Herzgröße und Körperzusammensetzung zurückgeht. Relativ gesehen reagieren Frauen aber genauso gut auf Trainingsreize. Die Empfehlungen unterscheiden sich daher nicht in der Methode, sondern nur in den absoluten Zielzahlen. Frauen über 50 sollten zusätzlich an Krafttraining festhalten, da die postmenopausale Beschleunigung des Muskelmasse-Verlusts ohne gezielte Belastung jeden VO₂max-Gewinn untergraben kann.

Lohnt sich eine Spiroergometrie auch ohne Symptome? Aus unserer Sicht ja, mindestens einmal als Standortbestimmung in der zweiten Lebenshälfte. Die Untersuchung dauert 45–60 Minuten, ist nicht-invasiv und liefert Information, die in keinem Routinelabor enthalten ist: die maximale aerobe Kapazität, die ventilatorischen Schwellen, das Verhalten unter Belastung. Diese Werte sind die quantitative Basis für eine ernsthafte Longevity-Strategie. Eine Wiederholung nach 12 Monaten zeigt dann objektiv, ob das Training wirkt.

Nicht geeignet wenn …

  • Symptomatische koronare Herzkrankheit ohne kardiologische Freigabe: Hochintensive Reize gehören in ein kardiologisch betreutes Setting.
  • Instabile Herzinsuffizienz, schwere Herzklappenvitien, malignes Hypertonus-Setting: erst stabilisieren, dann graduell aufbauen.
  • Akute Myokarditis oder kürzliche kardiale Ereignisse: 3–6 Monate Schonung sind häufig indiziert, anschließend supervidiertes Wiederaufbauen.
  • Schwere COPD, fortgeschrittene Lungenfibrose: VO₂max-Training ist möglich, aber pneumologisch betreut.
  • Schwere muskuloskelettale Limitierungen ohne adaptierte Belastungsform: Hier kommen Wasser-, Rad- oder Hand-Ergometer-Protokolle infrage.

Fazit

Wenn Longevity ein operationalisierbares Ziel hat, dann ist es die VO₂max. Sie ist objektiv messbar, robust mit Lebenserwartung verknüpft, hochgradig modifizierbar und ein direkter Indikator dafür, ob jemand mit 80 noch Treppen steigt oder nicht. In unserer Regenerations- und Performance-Medizin ist die Spiroergometrie deshalb die Basisuntersuchung — kein Add-on. Wer ein Jahrzehnt zusätzlicher unabhängiger Lebenszeit ernsthaft will, baut sie über die VO₂max.

Quellen

  1. 1.Mandsager K. et al., „Association of Cardiorespiratory Fitness With Long-term Mortality Among Adults Undergoing Exercise Treadmill Testing“, JAMA Network Open, 2018 — DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2018.3605
  2. 2.Kodama S. et al., „Cardiorespiratory fitness as a quantitative predictor of all-cause mortality and cardiovascular events in healthy men and women: a meta-analysis“, JAMA, 2009 — DOI: 10.1001/jama.2009.681
  3. 3.Bassett D.R., Howley E.T., „Limiting factors for maximum oxygen uptake and determinants of endurance performance“, Medicine & Science in Sports & Exercise, 2000 — DOI: 10.1097/00005768-200001000-00012
  4. 4.Helgerud J. et al., „Aerobic high-intensity intervals improve VO2max more than moderate training“, Medicine & Science in Sports & Exercise, 2007 — DOI: 10.1249/mss.0b013e3180304570
  5. 5.Paterson D.H. et al., „Ageing and physical activity: evidence to develop exercise recommendations for older adults“, Applied Physiology Nutrition and Metabolism, 2007 — DOI: 10.1139/H07-014
  6. 6.Saint-Maurice P.F. et al., „Association of Daily Step Count and Step Intensity With Mortality Among US Adults“, JAMA, 2020 — DOI: 10.1001/jama.2020.1382
  7. 7.Laukkanen T. et al., „Association Between Sauna Bathing and Fatal Cardiovascular and All-Cause Mortality Events“, JAMA Internal Medicine, 2015 — DOI: 10.1001/jamainternmed.2014.8187
  8. 8.Snyder N.C. et al., „Validity of Wrist-Worn Activity Trackers for Estimating VO2max and Energy Expenditure“, International Journal of Sports Medicine, 2021 — DOI: 10.1055/a-1330-3284
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