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Praxis

Erstgespräch — was passiert in 90 Minuten?

Eine ehrliche Vorbereitung auf das erste Gespräch — was in den 90 Minuten passiert, welche Unterlagen wir brauchen, und welche Fragen Sie mitbringen sollten.

22. Mai 2026·11 Min.·Dr. med. Tolga Bozkurt· Facharzt für Innere Medizin · Performance & Sportmedizin
Editorial Illustration — Erstgespräch in der Longevity-Praxis
Neunzig Minuten sind kein Marketing-Zeitfenster — sie sind die Mindestzeit, um eine medizinisch tragfähige Erstanamnese durchzuführen.

Das Erstgespräch in einer Longevity-Praxis ist nicht vergleichbar mit dem 12-Minuten-Slot beim Hausarzt. Es ist die Grundlage für ein Jahres-Protokoll, das auf Ihre konkrete biologische Lage, Ihre Lebensphase und Ihre persönlichen Ziele zugeschnitten wird. Bei uns dauert es 90 Minuten — manche Häuser arbeiten mit 60, andere mit 120. Diese 90 Minuten sind, wie jede Stunde Patientenzeit, zu schade, um sie unstrukturiert zu verbringen. Dieser Artikel erklärt, was in diesen 90 Minuten genau passiert, was Sie mitbringen sollten, und welche Fragen Sie selbst stellen können.

Vorab eine Klarstellung: Das Erstgespräch ist kein Verkaufstermin. Wir haben kein Interesse daran, Sie nach 90 Minuten ungeprüft in ein €1.890-Protokoll zu schreiben. Das Erstgespräch ist eine fundierte ärztliche Erstanamnese mit dem Ziel, Sie und Ihre biologische Lage zu verstehen — und am Ende eine sachlich begründete Empfehlung zu geben. Diese Empfehlung kann „starten Sie mit Essential" lauten, sie kann „warten Sie zunächst auf zusätzliche Diagnostik" lauten, und in seltenen Fällen kann sie auch „eine Longevity-Praxis ist im Moment nicht das Richtige für Sie" lauten. Das gehört zur ehrlichen Praxis dazu.

Vor dem Termin — was wir von Ihnen brauchen

Sieben bis zehn Tage vor dem Termin schicken wir Ihnen einen strukturierten digitalen Anamnese-Fragebogen. Er deckt sechs Bereiche ab: medizinische Vorgeschichte, aktuelle Medikation und Supplements, Familienanamnese, Lebensstil (Schlaf, Bewegung, Ernährung, Stress, Genussmittel), Beschwerdebild und persönliche Ziele. Er dauert etwa 30–45 Minuten zum Ausfüllen — wir bitten Sie darum, ihn vollständig zurückzuschicken, damit wir die 90 Minuten Praxiszeit nicht für administrative Erfassung verwenden.

Zusätzlich bitten wir um vorhandene Vorbefunde: aktuelle Blutwerte (möglichst nicht älter als 12 Monate), bildgebende Befunde (Cardio-CT, MRT, falls vorhanden), Arzt-Berichte (Hausarzt, Spezialist:innen), eventuelle epigenetische oder genetische Vortests. Wenn Sie nichts haben, ist das kein Problem — wir veranlassen die Basisdiagnostik nach dem Gespräch. Wenn Sie viel haben, ist das hilfreich, weil wir auf vorhandene Daten aufbauen können, statt sie redundant zu wiederholen.

  • **Anamnese-Fragebogen:** digital ausgefüllt, 30–45 Min, sieben Tage vor Termin zurück.
  • **Vorbefunde:** Blutwerte der letzten 12 Monate, bildgebende Befunde, Arzt-Berichte, epigenetische / genetische Vortests (falls vorhanden).
  • **Medikationsliste:** alle aktuellen Medikamente, Nahrungsergänzungen, Hormone — mit Dosis und seit wann.
  • **Persönliche Ziele:** Was möchten Sie mit einem Jahresprotokoll erreichen? Subjektive Beschwerden, objektive Marker, ästhetische Aspekte — alles ist willkommen.

Minute 1–15: Ankommen und biografisches Bild

Das Gespräch beginnt nicht mit Laborwerten, sondern mit Ihnen. In den ersten 15 Minuten geht es darum, ein biografisches Bild zu zeichnen: Wer sind Sie, was machen Sie beruflich, wie sieht Ihr Alltag aus, was sind die drei bis fünf Dinge, die Sie aktuell beschäftigen, was hat Sie überhaupt in eine Longevity-Praxis geführt? Diese Phase ist nicht Smalltalk — sie ist die Grundlage dafür, dass das spätere Protokoll zu Ihrem Leben passt, nicht nur zu Ihrer Diagnose.

In dieser Phase sehen wir auch ohne ein einziges Laborergebnis bereits sehr viel: Schlafqualität an der Tiefe der Augenringe, autonome Belastung an Sprechrhythmus und Atemmuster, kognitive Klarheit an Wortwahl und Konzentrationsfähigkeit. Diese klinische Beobachtung gehört zur Anamnese und beeinflusst, welche Diagnostik wir in welcher Tiefe veranlassen.

Minute 15–35: Detail-Anamnese und Beschwerdebild

Die nächsten 20 Minuten sind strukturierte Anamnese entlang der wichtigsten Körpersysteme: kardiometabolisch (Herz, Kreislauf, Stoffwechsel), inflammatorisch (chronische Beschwerden, Allergien, Hauterscheinungen), hormonell (Energie, Libido, Stimmung, Zyklus bei Frauen, Testosteron-Symptome bei Männern), gastrointestinal (Verdauung, Mikrobiom-Hinweise, Nahrungsunverträglichkeiten), neurologisch und kognitiv (Schlaf, Konzentration, Stimmung, Stressregulation), muskuloskelettal (Schmerzen, Belastbarkeit, Trainingsstand). Wir gehen die Bereiche nicht stur durch — wir folgen dort, wo Sie selbst Bedarf sehen.

Wichtig: Wir hören zu, statt zu interpretieren. Wir sagen Ihnen in dieser Phase nicht „Sie haben wahrscheinlich Magnesium-Mangel" oder „Ihr Cortisol ist sicher zu hoch" — solche Aussagen brauchen Labor. Was wir tun, ist eine Hypothesen-Liste aufzubauen, die wir mit gezielter Diagnostik prüfen.

Minute 35–55: Lebensstil-Inventar

Zwanzig Minuten gewidmet den vier großen Lifestyle-Hebeln: Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stress. Was wir konkret abfragen: Bewegung — was, wie oft, wie intensiv, Krafttraining ja/nein, Ausdauer-Training in welcher Form, Sitzstunden pro Tag. Ernährung — Hauptmahlzeiten, intermittierendes Fasten ja/nein, Alkohol pro Woche, Kaffee pro Tag, ungewöhnliche Diätformen. Schlaf — Bettzeiten, Aufwachzeiten, Schlafqualität subjektiv, Apnoe-Hinweise, Schlafmedikamente. Stress — Stressquellen, Regulationsstrategien, Meditation/Yoga ja/nein, soziale Einbettung.

Diese Phase ist nicht therapeutisch (noch nicht), sondern diagnostisch — wir bauen ein vollständiges Bild Ihrer Lifestyle-Lage. Die meisten Patient:innen, die zu uns kommen, sind in einer von vier dieser Achsen deutlich besser positioniert als sie selbst denken, und in einer anderen deutlich schlechter. Diese Asymmetrie zu erkennen, ist Teil unserer Aufgabe.

Minute 55–70: Ziele und Erwartungen — die wichtigste Phase

Die nächsten 15 Minuten sind aus unserer Sicht die wichtigsten. Wir fragen: Was wollen Sie konkret erreichen — und woran würden Sie es merken? Manche Patient:innen kommen mit präzisen Zielen („Mein ApoB ist 145, ich will unter 80", „Ich will mein VO2max in 18 Monaten um 5 Punkte heben", „Ich brauche eine systematische Lösung für meine Schlaf-Fragmentierung"). Andere kommen mit unschärferen Zielen („Ich fühle mich nicht so wie früher", „Ich will einfach gesund alt werden"). Beides ist legitim — beides braucht Übersetzung in messbare Endpunkte.

In dieser Phase klären wir auch Erwartungen, die nicht realistisch sind. Wer mit 58 mit der Erwartung kommt, dass eine Longevity-Praxis das biologische Alter „auf 35 zurücksetzt", bekommt eine ehrliche Aufklärung — wir können vieles, aber das nicht. Wer realistisch hofft, mit konsequenter Arbeit einen Drei-bis-fünf-Jahres-Vorsprung gegenüber dem chronologischen Alter aufzubauen, ist auf dem richtigen Pfad.

Das Erstgespräch ist nicht der Moment, in dem wir Sie überzeugen. Es ist der Moment, in dem wir prüfen, ob unsere Praxis und Ihre Bedürfnisse zueinander passen — beidseitig.

Minute 70–85: Vorläufiger Behandlungspfad und Diagnostik-Vorschlag

Auf Basis der ersten 70 Minuten und der eingesendeten Vorbefunde formulieren wir einen vorläufigen Behandlungspfad. Das ist noch kein finaler Plan — das ist eine Skizze: Welches Paket wäre indikativ das passende, welche Diagnostik veranlassen wir vor Protokoll-Start, welche Hypothesen haben wir, die das Labor klären muss. Wir machen das transparent: Wir zeigen Ihnen, warum wir Performance vorschlagen und nicht Essential, oder warum wir zunächst eine erweiterte Diagnostik empfehlen, bevor wir überhaupt Pakete diskutieren.

Das ist auch der Moment, in dem wir die Frage der Kosten transparent angehen. Nicht erst in einem Folgegespräch, nicht erst bei der Rechnung — sondern hier und jetzt mit konkreten Zahlen. Eine Übersicht über die Kosten in unserer Praxis haben wir ausführlich dokumentiert.

Minute 85–90: Ihre Fragen, kein Entscheidungsdruck

Die letzten fünf Minuten gehören Ihren Fragen. Wir geben Ihnen keinen Entscheidungsdruck — niemand muss am Ende des Erstgesprächs einen Vertrag unterschreiben. Sie nehmen einen schriftlichen Behandlungs- und Diagnostik-Vorschlag mit, sowie eine konkrete Kosten-Übersicht. In der Regel entscheiden Patient:innen innerhalb von einer bis zwei Wochen — und nicht selten nach einem zweiten Termin, in dem die Diagnostik-Ergebnisse vorliegen.

Welche Fragen Sie selbst stellen sollten

Ein gutes Erstgespräch zeichnet sich auch dadurch aus, dass Sie es aktiv mitgestalten. Hier sind die fünf Fragen, die wir Ihnen empfehlen, jedem Longevity-Arzt zu stellen — bei uns und anderswo.

  • **„Welche Studien stützen die Intervention, die Sie mir vorschlagen?"** — Eine seriöse Praxis kann die Frage konkret beantworten, auch wenn die Antwort manchmal lautet „Studienlage wachsend, klinische Erfahrung gut".
  • **„Was ist Ihre evidenzbasierte Erfolgsquote bei Patient:innen mit meinem Profil?"** — Wir nennen Ihnen ehrlich, was wir in den letzten 18 Monaten an Marker-Verbesserungen bei vergleichbaren Profilen erreicht haben.
  • **„Welche Diagnostik-Komponenten sind in welchem Paket enthalten — und welche kommen separat?"** — Diese Frage filtert Praxen heraus, die unklar abrechnen.
  • **„Was tun Sie, wenn ein Baustein bei mir nicht wirkt?"** — Eine seriöse Praxis hat Eskalations- und Justierungsstrategien, keine Rabatt-Gespräche.
  • **„Wer arbeitet konkret mit mir — und wer ist im Hintergrund?"** — Wir benennen Ihnen Ihre:n behandelnde:n Ärzt:in, Ihr:e Heilpraktiker:in und gegebenenfalls Ihre:n Concierge mit Namen und Verfügbarkeit.

Was nach dem Erstgespräch passiert

Innerhalb von 48 Stunden bekommen Sie per Mail ein strukturiertes Protokoll des Gesprächs: zusammengefasste Anamnese, diskutierte Hypothesen, vorgeschlagene Diagnostik, indikatives Paket, transparente Kostenstruktur. Wenn Sie sich für eine erweiterte Diagnostik entscheiden, vereinbaren wir innerhalb von zwei Wochen einen Termin dafür. Wenn Sie sich für ein Paket entscheiden, klären wir den Start innerhalb von drei bis vier Wochen — wobei manche Diagnostik (NMR-Metabolomik, epigenetische Tests, ggf. autologes Exosomen-Setup) zeitlich vor dem ersten Behandlungstermin liegen muss.

Häufige Fragen zum Erstgespräch

Was kostet das Erstgespräch?

Das Erstgespräch kostet 280 EUR (90 Minuten). Wenn Sie sich anschließend für ein 6- oder 12-Monats-Paket entscheiden, wird dieser Betrag mit der ersten Monatsrate verrechnet — das Erstgespräch ist dann effektiv kostenlos. Wer sich nach dem Gespräch nicht für ein Paket entscheidet, zahlt nur das Erstgespräch.

Wer führt das Gespräch?

In der Regel eine:r unserer beiden Longevity-Mediziner:innen — Dr. med. Elif Demir (Fachärztin für Innere Medizin) oder Dr. med. Lukas Becker (Arzt mit Schwerpunkt Longevity und Performance). Wer eine spezifische Präferenz hat, kann sie bei der Terminvereinbarung äußern; wir versuchen, sie nach Verfügbarkeit zu erfüllen. Die Geschäftsleitung (Selma Yavuz) kann ergänzend dazukommen, wenn organisatorische Fragen — Vertragsmodelle, Familienpakete, B2B-Aspekte — eine Rolle spielen.

Kann ich meinen Partner / meine Partnerin mitbringen?

Ja, sehr gerne. Wir bemerken regelmäßig, dass eine zweite vertraute Person hilft, in den 90 Minuten alle relevanten Details zu erfassen — und das spätere Gespräch zuhause zu strukturieren. Wenn Sie als Paar gemeinsam ein Protokoll erwägen, können wir das Erstgespräch auch als 120-Minuten-Variante für zwei Personen buchen (450 EUR statt 2 × 280 EUR).

Was, wenn ich am Ende kein Paket möchte?

Dann bekommen Sie trotzdem den vollen Wert des Gesprächs — eine strukturierte Erstanamnese mit konkreten Empfehlungen, die Sie auch außerhalb unserer Praxis umsetzen können. Wir geben Ihnen Empfehlungen für relevante externe Diagnostik, für Hausärztliche Folge-Maßnahmen und für realistische Selbst-Optimierungsschritte mit. Ein Erstgespräch bei uns ist nie verloren — auch wenn der Weg danach in eine andere Richtung geht.

Kontraindikationen und Hinweise

Das Erstgespräch selbst hat keine medizinischen Kontraindikationen — es ist eine reine Gesprächsleistung. Was wir bitten: Kommen Sie nicht direkt nach einer durchwachten Nacht oder einer akuten Belastungsphase. Die 90 Minuten verlangen Konzentration und Offenheit — beides ist in einer akuten Erschöpfung schwer abrufbar. Wer akut krank ist (Fieber, Infekt), verschiebt den Termin ohne Mehrkosten. Wer in einer akuten psychischen Krise ist, wendet sich zuerst an die etablierten psychotherapeutischen Strukturen — Longevity-Medizin ist nicht der richtige erste Schritt in dieser Situation.

Fazit

Neunzig Minuten sind die Mindestzeit, um eine medizinisch tragfähige Erstanamnese durchzuführen — nicht weil das Marketing es vorschreibt, sondern weil ein Jahres-Protokoll, das auf Ihre konkrete biologische Lage zugeschnitten ist, weniger Zeit nicht erlaubt. Wer mit dieser Erwartung in das Erstgespräch geht, bekommt eine fundierte Standortbestimmung — und am Ende eine Empfehlung, der Sie folgen können oder auch nicht. Beides ist in Ordnung. Eine Terminvereinbarung ist online möglich; bei dringenden Fragen vorab erreichen Sie uns telefonisch.

Quellen

  1. 1.Bauer M. et al., „Strukturierte ärztliche Anamnese in der Longevity-Medizin", Zeitschrift für Komplementärmedizin, 2024.
  2. 2.Attia P., „Outlive: The Science and Art of Longevity", Harmony Books, 2023.
  3. 3.Sinclair D.A., „Lifespan: Why We Age — And Why We Don't Have To", Atria Books, 2019.
  4. 4.Bundesärztekammer, „Empfehlungen zur Patient:innen-zentrierten Erstanamnese", 2023.
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